Dieser Artikel ist aus: Motorsport. Er betrifft die Themen: andere Biokraftstoffe

Zwischen Weltraum und Strafraum

24h Le Mans 2008: Audi R10 TDI siegt!

(16.06.2008)

Zum dritten Mal gewinnt der Audi R10 TDI das 24-Stunden-Rennen in Le Mans – heuer mit einem Quentchen BTL (Biomass to Liquid) an Bord.


Für alle, die auf Eurosport das berühmte 24-Stunden-Rennen verpasst haben und auch der ORF-Berichterstattung nicht wirklich gefolgt sind: Sie finden auf der Website www.motorline.cc einen sehr ausführlichen Bericht über die harten 24 Stunden in Le Mans. Darin lesen Sie auch genau, wie es der österreichischen Fraktion, allen voran Alex Wurz und Christian Klien, ergangen ist.

 

Wie haben den etwa 12 Seiten langen und mit vielen Bildern geschmückten Bericht von motorline.cc-Redakteur Johannes Gauglica auf alle Audi spezifischen Infos „gescreent“, die Sie nun im Anhang finden. Audi war mit drei R10 TDI am Start, daher finden Sie immer wieder die Bezeichnung „der Audi Nr. 1, 2, oder 3“.

 

Zwischen Weltraum und Strafraum

 

von Johannes.gauglica@motorline.cc

 

Zuerst ein Reisetipp für alle Le-Mans-Fans: seit heuer fährt eine Straßenbahn vom Stadtzentrum direkt zur Strecke.

Die Startprozedur ist eine Wissenschaft, die man in Le Mans so gut versteht wie nirgendwo anders. Es geht sich jedes Jahr fast auf die Sekunde genau aus: Pünktlich um 15.00 Uhr entließ das Pace-Car die 55 Starter in die 76. Auflage des Grand Prix d’Endurance.
Bei 17 Grad Außentemperatur zeigte sich der Himmel bedeckt, die Wetterfrösche drohten immer noch leise mit Regen…
Das Signal zum Start kam aus dem Weltraum: Die Astronauten der internationalen Raumstation ISS hatten diesmal die Ehre. Der Anlass: Vor 100 Jahren fand hier in Le Mans, auf dem Gelände der heutigen Rennstrecke, der erste Motorflug der Geschichte in Europa statt. Geschichte, wohin man schaut!

 

Gleich zu Beginn lieferten sich die Diesel-Teams von Audi und Peugeot eine beeindruckende Schlacht. Audi hatte bereits ausgesehen wie der sichere „Vizemeister“, die Peugeot lieferten in den vor allem fürs Fernsehen so wichtigen ersten Runden eine Show ab. Allan McNish im Audi Nr. 2 hielt sich als einziger der R10-Piloten halbwegs in Schlagdistanz zu den Peugeot.

 

Le Mans bei Nacht...

 

Audi-Fahrer Lucas Luhr: „Wenn man sich die Zeiten der Peugeot anschaut… - ehrlich gesagt können wir denen nicht wirklich folgen.“ - Aber die Peugeot-Streitmacht kam immer öfter ins Stolpern. Um 22:10 fand sich das Auto Nr. 9 mit Christian Klien an Bord im Kiesbett wieder – gestrandet!

Auf Rekordkurs?

Der Distanzrekord von Dr. Helmut Marko/Gijs van Lennep liegt bei 392 Runden. Das Tempo heuer war sehr hoch, bis jetzt hatte es keine Safety-Car-Unterbrechungen gegeben. Die schnellste Rennrunde um Mitternacht lag mit 3:19,394 nur eine Sekunde über der schnellsten Trainingszeit.

Die alte Weisheit traf auch heuer zu: Audi hat die Zuverlässigkeit, Peugeot den Speed. Das trifft offenbar auch auf die Fahrer zu. Gené (Peugeot) bekannte sich des Fahrfehlers für schuldig.
 
Die Audis lagen wieder auf den Plätzen 1 bis 6, das Wurz-Auto als letztes der Gruppe mit fünf Runden Rückstand.
Gené/Minassian/Villeneuve führten mit einer knappen Minute Vorsprung vor dem Audi von McNish/Kristensen/Capello.

 

Kurz nach Mitternacht: Erste Gelbphase

Kurz nach Mitternacht ging das Safety-Car auf die Strecke. Ein Ausritt in den Porsche-Kurven war der Auslöser für diese Gelbphase. Alex Wurz (Peugeot) nutzte das noch rasch auf und kam für einen flinken Tankstop an die Box.
Allan McNish im Audi nahm noch geschwind frische Reifen mit – er schaffte es noch gaaanz knapp zurück auf die Strecke. Denn ansonsten hätte er auf einen Schlag eine Runde verloren.
Nach 33 Minuten verließen die Safety-Cars wieder die Strecke.



Kurz nach 4 Uhr früh: Regen bringt…

Audi gegen Peugeot, Aston Martin gegen Corvette: In Le Mans ist noch nichts entschieden.

Kurz nach 4 Uhr früh war es dann soweit: der lang angekündigte Regen stellte sich ein. Nur ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor in einem von Unsicherheiten geprägten Rennen. Zumindest erwies sich jetzt der völlig verregnete Testtag vor einigen Wochen nicht als völlig nutzlos.
Klarer Sieg für Peugeot? Keine Rede! Peugeot hatte mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber der erbitterte Kampf ging weiter. Deutschland gegen Frankreich, seit Jahrhunderten ein Klassiker!


Silberpfeil am Horizont

 

Sie haben zwar keinen quattro-Vorteil, aber in der regnerischen Nacht haben die Audi mit sturer Gleichmäßigkeit ihre Position gefestigt. Auto Nr. 2 war nach wie vor im Fight um den Sieg involviert, und das ging bis ins Ziel so weiter!

Die Spitze hielt zu diesem Zeitpunkt der aus unserer Sicht „falsche Peugeot“; nämlich der ohne Österreicher. Jacques Villeneuve wäre somit am Weg in die Geschichtsbücher des Sportes – nach Graham Hill wäre er der zweite Sieger der „Triple Crown“: Indy 500, Formel-1-WM und Le Mans. Größen wie Mario Andretti haben das jahrelang angestrebt, aber nie geschafft.

Peugeot Nr. 9 mit Klien & Co. lag auf Platz 3 in Lauerstellung, sie hatten Audi Nr. 1 im Nacken. Zwischen all diesen Autos lag jeweils eine Runde, das war zu wenig, um sich in Sicherheit zu wiegen.

 

Das Ende näherte sich: Entscheidung in den letzten Stunden

Angekommen wird sein, wer um 15 Uhr noch aus eigener Kraft den Kurs umrundet. Die 24 Heures du Mans bogen schön langsam in die Zielgerade!

Ein Jahrhundert-Krimi;die Entscheidung in der letzten Stunde; Kampf Peugeot-Audi bis zum Schluss, Audi setzt sich mit superber Strategie durch.

 

Am späten Morgen ließ der Regen nach

Aber es blieb noch lange nass und vor allem dreckig. Zahlreiche kleinere Ausritte während der Nachtstunden und ölige Defekte hatten auf dem Circuit de la Sarthe eine g’schmackige Mischung aus Öl, Erde, Kies, Kohlefaser etc. hinterlassen.
Das warf die Frage auf: welche Reifen? Kurz nach 10 Uhr begannen einige Teams mit Intermediates zu experimentieren, eine Stunde später probierten die Mutigsten dann Slicks. Es war vorderhand noch keine gute Wahl.
Audi probierte ein taktisches Spielchen: Die schnelle Nr. 2 blieb auf Intermediates, die beiden anderen Autos fassten Slicks aus. Sie bezahlten dafür mit Rutschern und Drehern.
Doch: Ärger für Peugeot Nr. 8 (schon wieder) und Audi Nr. 1. In beiden Lagern gab es einen „Kriegsversehrten“.
 Dieses trockene Zwischenspiel war um 13 Uhr zu Ende, der Regen setzte wieder ein und machte die Strecke noch rutschiger, als sie es ohnehin schon war.

 

Audi-Drama knapp vor Schluss

Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich setzte alles auf ein Pferd, und das hatte die Nummer 2. Die Fahrer haben sich das Rennen in Riesenstücke von drei Stunden Fahrdauer eingeteilt; das schaffen nur die erfahrensten Profis.
Tom Kristensen, der erfolgreichste Le-Mans-Sieger aller Zeiten, und seine nicht weniger routinierten Kollegen Rinaldo Capello und Allan McNish setzten auf gleichmäßig hohes Tempo und nicht zuletzt kurze Standzeiten an der Box: Je weniger Fahrerwechsel, desto kürzer der Stop.

Der Audi R10 TDI ist eindeutig servicefreundlicher als der 908 HDi, und etliche kleine Problemchen blieben dem deutschen Team erspart. 

Kurz vor 13.00 kam dann die Schrecksekunde: Die führende Nr. 2 geriet mit einem kreiselnden LMP2-Auto aneinander. Audi-Fahrer Tom Kristensen optierte dafür, ohne Sicherheits-Boxenstop gleich weiterzufahren. Er hatte nur mehr zweieinhalb Minuten Vorsprung auf Peugeot Nr. 7.

„Knapp vor Schluss“:

Mehr als eine Grand-Prix-Distanz war noch zu fahren, aber in einem 24-Stunden-Rennen ist das praktisch der Sprint zur Ziellinie. In der silbernen Ecke: Tom Kristensen, Dänemark. In der blauen Ecke: Nicolas Minassian, Frankreich. Zwei Schwergewichte im Langstreckensport! Inmitten aller Formel-1-Stars übernahmen zwei Fahrer ohne F1-Erfahrung die Verantwortung dieses finalen „Grand Prix von Le Mans“.
Beide Teams bereiteten sich auf einen Sprint vor. Nic Minassian musste auf’s Gas steigen, um den Rückstand aufzuholen. Kristensen wusste, dass über die fliegende Runde der R10 einen Nachteil hatte. Dazu das launische Wetter mit immer stärkerem Regen… - ein Klassiker?
Für Minassian ein Heimspiel, aber auch Kristensen war nicht allein. Die 40.000 dänischen Fans vor Ort (!!!) standen hinter ihrem Nationalhelden.
Letzter Boxenstop für Audi: Kristensen wurde auf geschnittenen Slicks hinausgeschickt. Letzter Boxenstop bei Peugeot – und wieder Schwierigkeiten! Ein anderes Auto blockierte die Ausfahrt, der 908 musste mittels Wagenheber herumgeschoben werden.

Bei Audi marschierte der viertplatzierte Audi Nr. 3 direkt in die Garage, detto bei Peugeot die drittplatzierte Nr. 9!

Trockene Strecke draußen am Circuit de la Sarthe, tropfnasse Strecke im Start-/Zielbereich, im ganzen hatte Kristensen zunächst einen Vorteil und holte ein paar Sekunden Vorsprung heraus. Trockenheit, oder mehr Regen?

Dann ein Ausrutscher für Minassian: Vor Tertre Rouge verlor der Franzose die Gewalt über das Auto. Er konnte nach einigen schnellen Drehern das Auto abfangen. Keine Zeit für einen Reifenwechsel! Kristensen im Audi wurde dafür von einem langsameren GT1-Auto attackiert.

Vierzig Minuten vor Schluss

 

 Da betrug der Abstand 2 Minuten und 40 Sekunden. 258.000 Zuschauer, so die offizielle Zahl, blieben auf ihren Plätzen, niemand dachte an die Abreise.
An den Boxen der Kampf der Strategen bei Audi und Peugeot. Audi-Chef Dr. Ullrich: „Wir glauben, da kommt noch ein Regenschauer…“ – und bei Peugeot wurden Regenreifen vorbereitet.
Denn der Regen wurde wieder stärker. Minassian war eindeutig auf den falschen Reifen unterwegs. Resignation im Peugeot-Lager beim allerletzten Boxenstop des Peugeot Nr. 7, und jetzt endlich – aber zu spät – Regenreifen. Ende der Heldentaten. Oder?

15 Minuten vor Schluss kam die große Ohrfeige für Peugeot – Minassian musste einen unkontrollierbaren Peugeot um den Kurs zwingen, verlor etliche Male beinahe die Kontrolle!
Letzter Stop für den Leader: Regenreifen. Der Vorsprung des Audi Nr. 8 betrug jetzt mehr als eine Runde. Rinaldo Capello ist zumindest äußerlich ruhig: „Wir glauben’s, wenn wir im Ziel sind…“ – Aber ein Lächeln am Gesicht von Wolfgang Ullrich.

 
Das Drama ist vorbei, Audi hat gewonnen!


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